Kurz gesagt: Im klassischen Strukturvertrieb gehört dir der Bestand meistens nicht. Du vermittelst ihn, aber Courtagezusage, Bestandsführung und Datenhoheit liegen bei der Gesellschaft oder deinem Strukturgeber. Erst als unabhängiger Versicherungsmakler nach §34d GewO, mit eigenem Maklervertrag, eigener Courtagezusage und eigener Datenhoheit, ist es dein eigener Bestand. Einer, den du übertragen, beleihen, vererben oder verkaufen kannst.
Dieser Artikel zeigt dir, woran Bestandseigentum wirklich hängt, was ein Bestand am Markt wert ist und wie du ihn beim Wechsel und danach absicherst.
Wem der Bestand im Strukturvertrieb tatsächlich gehört
Im klassischen Strukturvertrieb bist du in den meisten Fällen Vermittler, nicht Eigentümer. Die Verträge laufen über die Gesellschaft oder über deinen Strukturgeber. Konkret heißt das: Du baust Bestand auf, aber Courtagezusagen, Bestandsführung und oft auch der direkte Vertragszugriff liegen nicht bei dir.
Spätestens beim Ausstieg merkst du das. Viele Strukturen arbeiten mit Stornohaftungszeiten, Stufenmodellen und Bedingungen, die deine Vergütung an deinen Verbleib koppeln. Solange du drin bist, verdienst du. Sobald du gehst, verlierst du den Hebel auf das, was du selbst aufgebaut hast.
Das ist der Kern des Themas. Bestandseigentum ist kein juristisches Detail für Fortgeschrittene. Es ist die Frage, ob deine Arbeit dir gehört.
Was Bestandseigentum rechtlich bedeutet
Als unabhängiger Versicherungsmakler nach §34d Abs. 1 GewO schließt du den Maklervertrag direkt mit deinem Kunden. Du bist sein Sachwalter, nicht der Vertreter einer Gesellschaft. Das verändert die Eigentumslage grundlegend.
Ob ein Bestand wirklich dir gehört, entscheidet sich auf drei Ebenen:
- Die Kundenbeziehung. Der Maklervertrag mit dem Kunden ist die Basis. Er begründet, dass du den Kunden betreust und nicht eine Gesellschaft. Ohne diesen Vertrag betreust du faktisch fremden Bestand.
- Die Courtagezusage. Die Vereinbarung mit dem Versicherer oder dem Pool regelt, wer die Bestandscourtage erhält. Steht hier deine Maklernummer oder die einer übergeordneten Struktur? Das ist der Punkt, an dem Geld fließt oder eben nicht.
- Die Datenhoheit. Wer hat Zugriff auf die Vertragsdaten, die Dokumente, die GDV-Datensätze? Wer den Datenzugang kontrolliert, kontrolliert faktisch den Bestand.
Erst wenn alle drei Ebenen bei dir liegen, ist es dein eigener Bestand. Fehlt eine, hast du eine Lücke, die im Ernstfall teuer wird.
Ein Rechenbeispiel, das den Unterschied zeigt
Die folgenden Zahlen sind bewusst gewählte Beispielannahmen, keine festen Standards. Sie zeigen die Größenordnung. Deine echten Werte musst du selbst einsetzen.
Nimm einen typischen Bestand mit 400 Kunden und einem laufenden Bestandscourtage-Volumen von rund 60.000 Euro im Jahr. Im Strukturvertrieb bekommst du davon je nach Stufe einen Anteil. Setzen wir 60 Prozent an, landen 36.000 Euro im Jahr auf deinem Konto, die restlichen 24.000 Euro verteilen sich nach oben. Liegst du in einer höheren oder niedrigeren Stufe, verschiebt sich der Wert entsprechend.
Beim Ausstieg verlierst du nicht den gesamten Bestand auf einen Schlag, aber du verlierst den Hebel auf die laufende Bestandscourtage. Die 36.000 Euro, die du bisher bekommen hast, laufen weiter, nur nicht mehr an dich. Dagegen rechnen musst du die realen Kosten eines Wechsels: Nicht jeder Kunde unterschreibt sofort den neuen Maklervertrag, in den ersten Monaten greift die Stornohaftung auf neu vermittelte Verträge, und der administrative Aufwand der Übertragung ist nicht null. Ein Totalverlust ist es also nicht. Aber ohne sauberen Wechsel verlierst du den planbaren Teil deines Einkommens.
Als eigenständiger Makler mit eigenen Courtagezusagen bekommst du dagegen die volle Courtage auf den Bestand, der tatsächlich zu dir wechselt. Unterstellen wir eine Übertragungsquote von 85 Prozent, also die Mitte der bei stabilen Beständen üblichen Spanne von 80 bis 90 Prozent, dann übertragen sich von den 60.000 Euro Volumen rund 51.000 Euro im Jahr statt der 36.000 Euro in der Struktur. Macht etwa 15.000 Euro pro Jahr Unterschied. Und der entsteht nicht aus mehr Arbeit, sondern allein daraus, dass dir der Bestand gehört. Über zehn Jahre summiert sich die Differenz in den sechsstelligen Bereich, vorausgesetzt, der Bestand bleibt stabil und du pflegst ihn weiter.
Zur Einordnung: Bestandscourtage ist der Teil deiner Vergütung, der weiterläuft, ohne dass du jeden Vertrag neu verkaufen musst. Sie ist von deiner Neuakquise entkoppelt und damit der eigentliche Vermögenswert in deinem Bestand.
Die typischen Stolpersteine beim Maklerwechsel
Der häufigste Fehler ist die Annahme, der Bestand komme beim Wechsel automatisch mit. Tut er nicht. Drei Punkte musst du sauber regeln, damit die Bestandsübertragung gelingt.
Bestandsübertragung und Maklerwechsel
Kunden müssen aktiv zustimmen, dass du sie künftig als Makler betreust. Das geschieht über einen neuen Maklervertrag und eine Maklervollmacht. Erst damit wirst du beim Versicherer als betreuender Makler eingetragen. Wie du deine Kunden anschreibst und über den Wechsel informierst, entscheidet hier über die Übertragungsquote. Bei einer über Jahre gepflegten, stabilen Kundenbeziehung liegt sie erfahrungsgemäß zwischen 80 und 90 Prozent. Bei jungen Beständen, reinen Provisionskunden oder schwacher Kommunikation fällt sie deutlich niedriger aus. Die Quote ist kein Automatismus, sie hängt an der Qualität deiner Beziehung und deiner Kommunikation.
Courtagezusagen aufbauen
Du brauchst eigene Vereinbarungen mit Versicherern oder den Zugang über einen Maklerpool. Ein Pool bündelt Zugänge und Courtagezusagen, sodass du nicht mit jedem Versicherer einzeln verhandeln musst. Entscheidend ist, dass die Bestandscourtage auf deine Vermittlernummer läuft und dein Bestand auch beim Pool als deiner geführt und im Zweifel übertragbar bleibt. Achte auf die Bestandsklauseln im Poolvertrag.
Datenschutz und Datenmitnahme
Kundendaten gehören nicht dir, nur weil du sie kennst. Daten aus einem alten Vertriebssystem mitzunehmen ist datenschutzrechtlich heikel. Sauber ist der Weg über die Einwilligung des Kunden im Rahmen des neuen Maklervertrags. Damit erhebst du die Daten neu und rechtssicher, statt sie aus einem System zu kopieren, auf das du keinen Anspruch mehr hast.
So sicherst du deinen eigenen Bestand dauerhaft ab
Eigentum allein reicht nicht. Du musst es auch schützen. Diese Punkte gehören in jede saubere Maklerexistenz:
- Schriftliche Maklerverträge mit jedem Kunden. Sie sind dein Eigentumsnachweis und die Grundlage jeder späteren Bewertung oder Übertragung deines Bestands.
- Eigene Vermittlernummern und dokumentierte Courtagezusagen. Bewahre jede Zusage auf und prüfe regelmäßig, ob die Bestandscourtage korrekt bei dir ankommt.
- Ein eigenes Maklerverwaltungsprogramm. Wenn deine Daten in einem System liegen, das dir gehört oder das du frei exportieren kannst, behältst du die Datenhoheit. Achte auf Exportierbarkeit über GDV oder BiPRO.
- Klare Pool- oder Direktanbindung mit Bestandsschutz. Lies die Klauseln zur Bestandsübertragung. Dein Bestand muss bei einem Wechsel des Pools mit dir gehen können.
- Vorsorge für den Verkauf. Ein sauber dokumentierter Bestand ist verkaufbar. Je nach Bestandsqualität, Altersstruktur der Kunden, Stornoquote und Sparten-Mix werden Bestände am Markt derzeit etwa mit dem Zwei- bis Dreifachen der Jahrescourtage gehandelt. Run-off-lastige oder stornoanfällige Bestände liegen darunter, gepflegte Sachbestände eher am oberen Rand. Das ist eine Marktspanne, kein garantierter Preis. Aber es ist eine Altersvorsorge, die im Strukturvertrieb schlicht nicht existiert.
Warum Eigentum das stärkste Argument gegen den Verbleib ist
Die anderen Argumente für die Maklerschaft stimmen alle: mehr Produktauswahl, höhere Vergütung, Unabhängigkeit. Nur sind sie graduell. Das Eigentum an deinem Bestand ist es nicht. Es ist der einzige Faktor, der bestimmt, ob du am Ende deiner Laufbahn einen Vermögenswert in der Hand hast oder ob du nur Einkommen hattest, solange du aktiv warst. Als Makler baust du einen Bestand auf, der dir gehört und den du beleihen, übertragen, vererben oder verkaufen kannst. Das ist der Unterschied zwischen einem Job und einem Unternehmen.
Wir haben inzwischen über 120 Makler beim Schritt in die Selbstständigkeit begleitet. Der Kern ist jedes Mal derselbe: Dein eigener Bestand bleibt bei dir, du erhältst die volle Provision, und der strukturierte Wechsel ist in rund 60 Tagen machbar, ohne dass deine Kunden im Stich gelassen werden oder du in eine rechtliche Grauzone gerätst.